Digitaler Nachlass

Digitaler Nachlass — Was passiert mit deinen Online-Konten?

Hände an einem Laptop — dein digitaler Nachlass verdient Vorsorge

Tausende Fotos in der Cloud. Nachrichten, die du nie löschen würdest. Ein Spotify-Abo, das weiterläuft. Und ein Instagram-Profil, das plötzlich niemand mehr pflegen kann. Was passiert mit all dem, wenn du nicht mehr da bist?

Die Antwort ist unbequem: Im Regelfall gar nichts Gutes. Konten bleiben aktiv, Abos laufen weiter, Erinnerungen verschwinden hinter Passwörtern, an die niemand herankommt. Und die Menschen, die du liebst, stehen vor verschlossenen digitalen Türen — genau dann, wenn sie ohnehin schon genug zu bewältigen haben.

Die gute Nachricht: Du kannst das verhindern. Und es ist einfacher, als du denkst.

Was ist digitaler Nachlass?

Dein digitaler Nachlass umfasst alles, was du online hinterlässt: E-Mail-Konten, Social-Media-Profile, Cloud-Speicher, Online-Banking, Streaming-Abos, Shopping-Accounts und digitale Wertgegenstände wie Kryptowährungen oder NFTs.

Rechtlich betrachtet gehören dazu alle Verträge und Nutzungsvereinbarungen, die du mit Online-Diensten geschlossen hast — und die damit verbundenen Daten. Diese Verträge gehen nach deutschem Recht grundsätzlich auf deine Erb:innen über, genau wie ein Mietvertrag oder ein Bankkonto.

Was viele unterschätzen: Dein digitaler Nachlass hat nicht nur einen praktischen Wert, sondern auch einen emotionalen. Fotos, Chats, sprachliche Nachrichten — das sind digitale Erinnerungen, die für die Menschen, die du liebst, unersetzlich sein können. Ohne Zugang sind sie für immer verloren.

Warum du deinen digitalen Nachlass jetzt regeln solltest

Vielleicht denkst du: „Das hat noch Zeit." Verständlich. Aber es gibt drei gute Gründe, warum jetzt der richtige Moment ist:

1. Die Menschen schützen, die du liebst. Ohne klare Regelung müssen sich die Menschen, die du liebst, durch Dutzende Plattformen kämpfen — oft ohne Passwörter, oft ohne Vollmacht, und das in einer Phase tiefer Trauer. Jede Stunde, die sie mit Bürokratie verbringen, ist eine Stunde weniger für das, was wirklich zählt.

2. Dein digitales Vermögen sichern. PayPal-Guthaben, Kryptowährungen, Geld auf Depots, laufende Abos, die weiter abbuchen — ohne Zugang kann echtes Geld verloren gehen oder unnötig abfließen.

3. Deine Erinnerungen bewahren. Fotos in der Cloud, Sprachnachrichten, geteilte Playlists — all das kann gelöscht werden, wenn Plattformen inaktive Konten schließen. Manche Erinnerungen existieren nur noch digital.

Gut zu wissen
Google löscht inaktive Konten nach 2 Jahren automatisch — inklusive aller Fotos in Google Photos, E-Mails und Drive-Dateien. Wenn du nichts einstellst, können Jahrzehnte an Erinnerungen verschwinden.

Was gehört alles zum digitalen Nachlass?

Mehr als du denkst. Hier ein Überblick der wichtigsten Kategorien:

Kommunikation

Social Media

Cloud und Speicher

Finanzen

Unterhaltung und Shopping

Verträge und Verwaltung

Schritt für Schritt: Digitalen Nachlass regeln

Es klingt nach viel — ist es aber nicht, wenn du systematisch vorgehst. Vier Schritte reichen:

Schritt 1: Kontenliste erstellen

Nimm dir eine ruhige Stunde und schreibe alle Online-Konten auf, die du nutzt. Geh dein E-Mail-Postfach durch — Bestätigungs-Mails und Newsletter verraten, wo du überall registriert bist. Notiere zu jedem Konto: Plattform, Nutzername/E-Mail und was damit passieren soll (löschen, übertragen, archivieren).

Schritt 2: Vertrauensperson benennen

Wähle eine Person, die sich um deinen digitalen Nachlass kümmern soll. Das kann dieselbe Person sein, die du in deiner Vorsorgevollmacht benennst — muss es aber nicht. Wichtig ist, dass diese Person technisch versiert genug ist, um mit Online-Konten umzugehen.

Schritt 3: Vorsorgevollmacht erweitern

Deine Vorsorgevollmacht sollte einen digitalen Zusatz enthalten, der deine Vertrauensperson ausdrücklich dazu berechtigt, auf deine Online-Konten zuzugreifen, Verträge zu kündigen und Daten zu sichern oder zu löschen.

Formulierungsbeispiel für die Vorsorgevollmacht
„Die bevollmächtigte Person ist berechtigt, mich gegenüber allen Anbietern digitaler Dienste zu vertreten. Dies umfasst den Zugang zu meinen Online-Konten, E-Mail-Postfächern und Cloud-Diensten, das Kündigen oder Fortführen von Verträgen sowie das Sichern, Übertragen oder Löschen meiner digitalen Daten."

Schritt 4: Zugänge sicher hinterlegen

Deine Vertrauensperson braucht im Ernstfall Zugang zu deinen Passwörtern. Wie du das sicher löst, erfährst du im nächsten Abschnitt.

Checkliste: Diese Online-Konten musst du bedenken

Nutze diese Liste als Ausgangspunkt. Hake ab, was auf dich zutrifft, und notiere deine Wünsche dazu:

Hände tippen auf einem Laptop — digitalen Nachlass organisieren

So übergibst du Passwörter sicher

Das heikelste Thema beim digitalen Nachlass: Wie kommen deine Zugangsdaten sicher an die richtige Person — aber nicht vorher in die falschen Hände?

Option 1: Passwortmanager (empfohlen)

Ein Passwortmanager wie Bitwarden (kostenlos, Open Source) oder 1Password speichert alle deine Zugangsdaten verschlüsselt an einem Ort. Du brauchst nur ein einziges Master-Passwort, das du deiner Vertrauensperson hinterlegen kannst.

Bitwarden bietet sogar eine Emergency Access-Funktion: Du kannst eine Person benennen, die nach einer von dir festgelegten Wartezeit (z.B. 7 Tage) Zugriff auf deinen Tresor erhält — aber nur, wenn du die Anfrage nicht aktiv ablehnst.

Option 2: Verschlüsselter USB-Stick

Speichere deine Kontenliste und Passwörter auf einem verschlüsselten USB-Stick (z.B. mit VeraCrypt). Hinterlege den Stick an einem sicheren Ort — zum Beispiel in deinem Notfallordner — und teile das Entschlüsselungs-Passwort getrennt davon mit.

Option 3: Versiegelter Umschlag

Die analoge Variante: Schreibe deine wichtigsten Zugangsdaten auf und verschließe sie in einem Umschlag. Bewahre ihn im Bankschließfach oder bei einem Notar auf. Nachteil: Du musst den Inhalt bei jeder Passwortänderung aktualisieren.

Wichtig
Schreibe Passwörter niemals unverschlüsselt in dein Testament. Testamente werden nach dem Tod beim Nachlassgericht eröffnet — im Beisein aller Erb:innen. Deine Zugangsdaten wären dann für alle sichtbar.

Was die großen Plattformen regeln

Viele Plattformen bieten inzwischen eigene Vorsorge-Optionen an. Hier die wichtigsten:

Google — Kontoinaktivität-Manager

Mit dem Inactive Account Manager kannst du festlegen, was nach einer bestimmten Inaktivitätsdauer (3 bis 18 Monate) passiert. Du kannst bis zu 10 Personen benennen, die dann Zugriff auf ausgewählte Daten erhalten. Alternativ kannst du die automatische Löschung deines Kontos anordnen.

Facebook — Nachlasskontakt

Facebook bietet zwei Optionen: Entweder du benennst einen Nachlasskontakt, der dein Profil in einen Gedenkzustand versetzt und eingeschränkt verwalten kann. Oder du verfügst die vollständige Löschung deines Kontos, wenn es soweit ist.

Apple — Digital Legacy

Seit iOS 15.2 kannst du Nachlasskontakte hinzufügen, die, wenn es soweit ist, Zugang zu deinen iCloud-Daten erhalten (Fotos, Notizen, Dateien). Sie benötigen dafür einen speziellen Zugriffsschlüssel und eine Sterbeurkunde.

Instagram, TikTok, X (Twitter)

Diese Plattformen bieten keine Vorsorge-Optionen zu Lebzeiten. Angehörige können nach dem Tod die Löschung beantragen oder (bei Instagram) einen Gedenkzustand einrichten — beides erfordert eine Sterbeurkunde und oft einen aufwändigen Prozess.

Unser Tipp
Richte den Google Kontoinaktivität-Manager und den Apple Digital Legacy jetzt ein — das dauert jeweils nur 5 Minuten und schützt den Großteil deiner digitalen Erinnerungen.

Die wichtigsten Rechtsgrundlagen

Das deutsche Recht ist beim Thema digitaler Nachlass klarer, als viele denken:

BGH-Urteil von 2018: Der Bundesgerichtshof entschied im Fall eines Facebook-Kontos, dass digitale Verträge grundsätzlich vererbbar sind (Az. III ZR 183/17). Erb:innen haben Anspruch auf Zugang zum Konto — das Persönlichkeitsrecht oder der Datenschutz stehen dem nicht entgegen.

Was das bedeutet: Deine Online-Verträge gehen auf deine Erb:innen über. Sie haben grundsätzlich das Recht, auf deine Konten zuzugreifen, Verträge zu kündigen und Daten zu sichern.

Aber: Das Recht zu haben und es durchzusetzen sind zwei verschiedene Dinge. Viele Plattformen — besonders internationale — machen es Angehörigen schwer. Ein langwieriger Prozess mit Sterbeurkunden, notariellen Beglaubigungen und englischsprachiger Korrespondenz ist keine Seltenheit.

Genau deshalb ist Vorsorge so wichtig: Mit einer klaren Vollmacht und einer hinterlegten Kontenliste ersparst du den Menschen, die du liebst, diesen Kampf.

Häufige Fehler — und wie du sie vermeidest

Fehler 1: „Mein Partner kennt ja meine Passwörter."
Vielleicht — aber kennt er oder sie wirklich alle? Und was ist, wenn ihr beide gleichzeitig betroffen seid? Eine dokumentierte Liste ist unersetzlich.

Fehler 2: Passwörter im Testament hinterlegen.
Testamente werden beim Nachlassgericht eröffnet — im Beisein aller Erb:innen. Deine Passwörter wären dann öffentlich. Nutze stattdessen einen Passwortmanager oder einen versiegelten Umschlag.

Fehler 3: Krypto-Wallets ohne Backup.
Kryptowährungen funktionieren anders als Bankkonten: Ohne Seed Phrase oder Private Key gibt es keinen Weg, auf das Guthaben zuzugreifen. Keine Bank, kein Kundenservice, keine Behörde kann helfen. Schätzungen zufolge sind heute bereits Milliardenbeträge in Bitcoin unwiederbringlich verloren — weil niemand die Zugangsdaten hatte.

Fehler 4: Nur die großen Konten regeln.
Vergiss nicht die kleinen: Ein vergessenes Zeitschriften-Abo für 9,99 € im Monat läuft monatelang weiter. Eine alte Domain-Registrierung verlängert sich automatisch. Diese Kosten summieren sich.

Fehler 5: Einmal einrichten und vergessen.
Deine digitale Welt verändert sich. Neue Konten kommen dazu, Passwörter ändern sich. Plane einmal im Jahr einen kurzen Check ein — zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn du ohnehin zur Ruhe kommst.

Häufig gestellte Fragen

Was gehört alles zum digitalen Nachlass?

Alles, was du online nutzt: E-Mail-Konten, Social-Media-Profile, Cloud-Speicher, Online-Banking, Streaming-Dienste, Shopping-Accounts, Kryptowährungen, Domains und digitale Abonnements. Auch Daten auf deinen Geräten (Smartphone, Laptop, Tablet) gehören dazu.

Kann ich meinen digitalen Nachlass im Testament regeln?

Grundsätzlich ja — du kannst im Testament festlegen, wer deinen digitalen Nachlass erhalten soll. Aber: Hinterlege dort keine Passwörter (Testamente werden öffentlich eröffnet). Nutze stattdessen eine Kombination aus Testament, Vorsorgevollmacht und einem sicher hinterlegten Passwortmanager.

Was passiert mit meinen Online-Konten, wenn ich nichts regle?

Deine Erb:innen erben zwar rechtlich deine Verträge, aber in der Praxis stehen sie vor verschlossenen Türen. Sie müssen bei jeder Plattform einzeln Sterbeurkunden vorlegen und den Zugang beantragen — ein Prozess, der Wochen oder Monate dauern kann. Inzwischen laufen Abos weiter und Erinnerungen können durch automatische Konto-Löschungen verloren gehen.

Brauche ich einen digitalen Nachlassverwalter?

Für die meisten Menschen reicht eine Vertrauensperson mit klarer Vollmacht und Zugang zum Passwortmanager. Professionelle digitale Nachlassverwalter lohnen sich vor allem, wenn du ein komplexes digitales Vermögen hast (viele Krypto-Wallets, Websites, digitale Geschäftsmodelle) oder wenn es keinen geeigneten Angehörigen gibt.

Wie oft sollte ich meine Kontenliste aktualisieren?

Mindestens einmal im Jahr — idealerweise immer dann, wenn du ein neues wichtiges Konto erstellst oder ein Passwort änderst. Mit einem Passwortmanager passiert das weitgehend automatisch.

Deinen digitalen Nachlass zu regeln ist kein unangenehmer Pflichttermin — es ist ein Akt der Fürsorge. Du nimmst den Menschen, die du liebst, eine enorme Last ab und stellst sicher, dass deine digitalen Erinnerungen nicht einfach verschwinden.

Und das Beste: Der erste Schritt dauert eine Stunde. Eine Stunde, die für deine Liebsten alles verändern kann.

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